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"Tabula Rasa" in der Kunsthalle St. Annen

Meine Eindrücke der Ausstellung "Tabula Rasa" von Doris Salcedo

Am letzten Samstag wurde ich zum "Instawalk" (für nicht Instagram Eingeweihte: eine bestimmte Anzahl von Instagram Mitgliedern trifft sich an einem bestimmten Ort, um Fotos  zu machen), der Kunstagentur Artefakt Berlin in das St. Annen Museum zu Lübeck eingeladen. Hier werden derzeit einige Installationen der preisgekrönten kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo gezeigt. Die Possehl Stiftung, die Doris Salcedo 2019 mit dem ersten Internationalen Kunstpreis der Stiftung auszeichnete, macht dies möglich.

 

In freudiger und gespannter Erwartung war ich mit meinem Equipment gut ausgestattet und vorbereitet, wie ich dachte. Da in vielen Museen die Beleuchtung eher verhalten ist, war auch der Aufsatzblitz mit im Gepäck. Die Kunstwerke sollten ja gebührend in Szene gesetzt werden. Doch Eines hatte ich bei diesen Vorbereitungen nicht bedacht. ..

...nämlich, was diese Kunstwerke emotional mit mir machen und wie sich der fotografische Abend dadurch fast komplett ändern würde.

"Tabula Rasa", 2018

Das Herzstück der Ausstellung bilden die Tische, deren Oberfläche zunächst zerstört wurde. Deren kleine Bruchstücke wurden anschließend wieder in die Oberfläche eingefügt. Die dadurch hinterbliebenen "Narben" sind gut erkennbar.


"A Flor De Piel"

Tausende von konservierten Rosenblättern, filigran aneinander genäht. Die Anordnung und die Falten  sind nicht willkürlich gewählt und werden jedes Mal aufwendig mittels Koordinaten, die sich unter dem Kunstwerk befinden, festgelegt.


Die Führung  in der Kunsthalle übernahm der Kurator Dr. Oliver Zybok der Ausstellung, der sich nicht nur mit den Kunstwerken und deren Entstehen intensiv befasst, sondern Doris Salcedo auch persönlich getroffen hatte. Mit ihren Installationen stellt sie ihre Auseinandersetzung mit den traumatischen Erlebnissen der Menschen Kolumbiens dar.

Körperliche und sexuelle Gewalt, Verschleppung und Tod. Die Trauer der Hinterbliebenen, die nicht oder nur schwer gelebt werden kann, weil die Angehörigen verschleppt oder getötet und anonym verscharrt werden, das sind die Themen.

Immer wieder neu aufkeimende politische Unruhen und Bürgerkriege lassen dieses Land nicht zur Ruhe kommen.

 

Während Dr. Zybok die Teilnehmer durch die Ausstellungsräume führte und ausführlich die Entstehung der aufwendig gestalteten Kunstwerke beschrieb, schaute ich mich immer wieder in den Räumen um, da ich mir überlegte, wo ich fotografieren wollte. Die Lichtausbeute war dafür tatsächlich etwas komplex.

Der mitgenommene Aufsatzblitz schien also berechtigt. Zu Beginn des Treffens wurde uns genug Zeit eingeräumt, um in Ruhe unsere Motive einzufangen, doch mir kribbelte es schon in den Fingern. Ich wollte loslegen.

"Plegaria Muda", 2008- 2010"

Eine Konstruktion von handgefertigten Holztischen. Jeweils ein Tisch steht umgedreht auf einem weiteren. Getrennt werden sie durch eine Schicht Erde, durch die gezielt an bestimmten Positionen Grashalme wachsen.


Nebenbei spielte sich in mir etwas ab, das ich noch nicht bewusst hatte. Ich dachte kurz darüber nach und bemerkte, dass mich die dichte Atmosphäre, die dort herrschte, komplett ergriffen hatte. Die umfangreichen Erklärungen hatten sich in mir breit gemacht. Teilweise hatte Doris Salcedo bis zu 3 Jahren an den Werken gearbeitet. Allein schon diese Leidenschaft wahrzunehmen, ist extrem beeindruckend.

 

Und das Licht, ja das war (natürlich) auf die Kunstwerke ausgerichtet. Waren es in einem Raum Blaufilter, die über den Strahlern an der Decke gelegt waren, wurde der nächste Raum sehrdunkel gehalten. Und ich merkte, dass sich in mir ein sehr starker Respekt vor dieser Arbeit und der sich darin wiederfindenden  Emotionen entwickelt hatte. Es stand fest: Keinen Blitz mehr; die Kunstwerke sollten nicht in ihrer Aussage und Darstellung durch ein zusätzlich erzeugtes Licht verändert werden. Dementsprechend war meine Herausforderung, genau das umzusetzen.

Den Objekten ihren Raum zu lassen und das zu zeigen, was ich als wichtig erachte oder unterstreichen möchte. Ich konnte mich in der zur Verfügung stehenden Zeit nur verhalten frei bewegen, da mich die Objekte so vereinnahmten. Ich meine, dass es mir gelungen ist, dies darzustellen.

"Disremembered", 2014-2017

Handgewebte Rohseide bildet die Grundlage des Kunstwerkes. Sie ist gespickt mit ca. 12.00 polierten, gekürzten und einzeln eingesetzten Stecknadeln.


"Thou-Less", 2001-2002

Kalter Stahl, dem nachträglich eine Holzstruktur verliehen wurde. Durch das Verformen oder Entnehmen einzelner Teile ist ein Platznehmen nicht mehr möglich. Scharfe Kanten und Falze verstärken den Eindruck der unterkühlten Atmosphäre.


Mir wurde damit wieder einmal bewusst, wie gut es uns in den westlichen Ländern eigentlich geht, aber wie fragil das auch sein kann und besonders in den heutigen Zeiten jeder von uns  aufpassen sollte, dass uns dies erhalten bleibt. 

Umso wichtiger und mutig ist es, dass uns Künstler wie Doris Salcedo mit ihrer "Art" vor Augen führen, dass es die "andere Seite" gibt.

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 03.11.2019 im Lübecker St. Annen Museum zu besuchen und ich finde, es lohnt, sich den Herbst damit zu bereichern. Das Leben besteht aus weitaus mehr, als aus dem, was vor unserer Haustür passiert.

Wer zu einer der vielen interessanten Ausstellungen der Kunstahlle St. Annen oder des St. Annen Museum gehen möchte, kann sich vorab auf der Homepage informieren.

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