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zu Besuch im Atelier von Tina Schönwald

"Lost in Lübeck" die Hansestadt mal anders gesehen

Vor etwa sieben Jahren lernte ich Tina Schönwald durch private Kontakte kennen. Schon damals verband uns das Interesse für die Fotografie und bereits zu dieser Zeit war die Lübecker Künstlerin auf der Suche nach einem passenden Atelier. Wir verloren uns eine Zeit lang aus den Augen und ich verfolgte nur sehr sporadisch ihren Werdegang. Ihre Kalenderserie "Lost in Lübeck" war mir zu dieser Zeit aber bereits ein Begriff.

 

Seit einigen Monaten glaube ich eher nicht mehr an Zufälle, sondern daran, dass Ereignisse passieren, weil sie passieren sollen. So geschehen vor ein paar Wochen, als wir uns im Lübecker St. Annen Museum zur Ausstellung der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo wiedertrafen.

 

Ein kurzer Austausch zwischen uns reichte, dass ich neugierig auf ihre Erzählungen wurde. Sie berichtete, dass sie nach Jahren der Suche nach geeigneten Räumen für ihre Malereien und Fotografien endlich etwas Passendes gefunden hatte.

 

Ihre Einladung zur Ateliereröffnung in der malerischen Glockengießerstraße nahm ich gern an. Natürlich war die Kamera dabei, denn der Plan war, darüber einen Artikel zu verfassen. Doch manchmal werden Pläne durch Unvorhergesehenes durchkreuzt. Was für ein Glück....

das Atelier Roststätte und sein gefeierter Moment

Am 8. November war es dann soweit, kurz nach zwanzig Uhr hielt Tina Schönwald eine kurze Begrüßungsrede zur Eröffnung des Ateliers Roststätte. Ihre Stimme konnte ich hören, aber ich sah sie nicht. Ein Gewusel aus Menschen verdeckte mir die Sicht in den Raum. Es waren so viele Gäste versammelt, dass sie alle im Atelier kaum Platz fanden und ich blieb vorerst mit einigen anderen vor der Tür stehen. Die Kamera packte ich ein. Es war mir einfach zu drängelig, um entspannt zu fotografieren.

 

Ich freute mich sehr darüber, ein paar Bekannte unerwartet wiederzusehen und unterhielt mich angeregt mit ihnen. Tina und ich verabredeten uns daraufhin für einen neuen Termin, um in Ruhe die erzählenswerten Geschehnisse Revue passieren zu lassen.

Einblicke in das neue Atelier Roststätte von Tina Schönwald


ein Wiedersehen in Lübeck mit Folgen

Bereits bei der Ateliereröffnung hatte ich mich wie Bolle über unser Wiedersehen nach Jahren gefreut. An diesem Samstag trafen wir uns dann zum vereinbarten Termin. Es sah für mich nach Arbeit aus. Viele Bilder standen auf dem Boden und einem der alten Sofas, von denen eines mir noch aus unseren "alten Zeiten" bekannt war. Es hat mittlerweile sicher ein biblisches Alter erreicht.

 

Schön, dass sich einiges und Tina nicht geändert hatte. Außerdem passte der morbide Charme genau zu den Motiven der Fotos, die die Wände zierten. Auf der Fensterbank lagen aus verschiedenen Jahren Belegexemplare der Kalender zum Durchblättern.

 

Ein Ort ohne großen Schnickschnack und reduziert auf das Wesentliche, das gefiel mir auf Anhieb.

 

Ist das noch ein Aufräumen nach der Feier oder wird neu sortiert? "Ich weiß noch nicht, wie ich das mit den Bildern mache. Hänge ich noch welche in einer zweiten Reihe auf oder installiere ich einen Beamer um sie an die Wände zu projizieren?" Da schien jemand endlich angekommen zu sein.

dieser Weg wird kein leichter sein...

Ihren Wunsch, sich künstlerisch zu verwirklichen, hatte die 52-jährige Künstlerin bereits als Kind; mit zirka neun Jahren hatte sie ihre erste Kamera; so eine kenne ich auch noch, dieses typische "Ritsch-Ratsch" Teil, das in den siebziger Jahren so populär war. Mit 21 Jahren kam dann die erste analoge Spiegelreflexkamera zum Einsatz, mit der sie sich auf Motivsuche machte.

 

Doch nicht nur die Fotografie, auch die Malerei ist ihre Art, sich auszudrücken. Das lässt sich aber nicht so einfach umsetzen, besonders wenn man großzügig mit der Farbe umgeht. Die ersten Werke entstanden also damals in den Mietwohnungen, wobei die Bodenbeläge unter der Farbe sehr leiden mussten...

Die Studenten, die zeitweise zur Untermiete unterkamen, waren vom extremen Gestank der verwendeten Industrielacke nicht sehr angetan. Ganz abgesehen von ihrem Sohn und ihrer Freundin, denen das ebenso wenig gefiel.

 

Weitere Kreativräume wechselten mehrfach, dabei waren Garagen ohne Fenster oder auch ein Atelier, das sich im Nachhinein als hochgradig verschimmelt herausstellte und somit keine Entfaltungsmöglichkeit bot. Ich stelle mir das nicht leicht vor, sein Ziel über viele Jahre zu verfolgen, ohne aufzugeben.

 

Auf die Frage, ob sie es einmal bereut hat, so lange Zeit darauf hin zu arbeiten oder dies auch als vergeudete Jahre sieht, erwidert sie: "Ich hätte vielleicht mehr nicht das erstbeste nehmen sollen, sondern fokussierter rangehen und überlegen, was ich wirklich will. Und mich dann daran machen, genau das umzusetzen". Sie zitiert einen Satz des Frauen-Comedy Duos Die Missfits: "Wennze weiss watte wills, musse machen datte hinkomms".

 

Dennoch sieht sie im Nachhinein, dass es oft in dem Moment nicht ging und somit wohl diese Zeit brauchte.

 

Das kann ich nachvollziehen, mir geht es in manchen Augenblicken genauso.

Lübecker Kultur trifft Tina Schönwald

 ...und Lübecker Kultur mag Tina Schönwald und bot ihr schon mehrfach die Möglichkeit, ihre urbanen Werke der Hansestadt Lübeck zu zeigen. Die Künstlerin stellte ihre Bilder zweimal in der Kunsttankstelle aus, davonfand eine zusammen mit der Malerin Inken Kramp statt. Im Jahr 2015 präsentierte sie ihre Fotografien im Lübecker Kulturcafé "Tonfink" in der großen Burgstraße.

 

Eine weitere Ausstellung gab es im Theater- und Veranstaltungssaal "Kolosseum" zu Lübeck. Bei den monatlich stattfindenden "Petrivisionen" in St. Petri zu Lübeck hielt Tina Schönwald zum Thema "HEIMATbild" eine Rede vor dem interessierten Publikum. Diese Veranstaltung ist fast schon zu einer Institution geworden. Die Lübecker Kulturseite "Unser Lübeck" veröffentlichte mehrere Artikel von ihr und über sie.

 

Anlässlich der internationalen Hansetage wurde sie in diesem Jahr nach Russland eingeladen. Dort wurden ihre Werke und vieler weiterer Künstler aus Europa an eine große Hauswand projiziert.

 

Anlässlich der Lübecker Museumsnacht wurden ihre Bilder im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung, organisiert von Carolin Meister, auf dem Hof der Hotelfachschule zu präsentieren.

die Frage nach der Motivsuche

Tina Schönwalds Motive kann man auch auf Postkarten erwerben. Man sieht viele bekannte und noch mehr unbekannte Motive, nur sie sind nicht bunt und sehr kontrastreich. Ich hatte schon einmal davon geschrieben, dass ich mich mit der "Lostplace" Fotografie sehr schwer anfreunden kann. Doch ich fühle mich von den Objekten angezogen. Beispielsweise spielen die Jakobikirche oder Marienkirche eher eine Nebenrolle, Metalltreppen, düstere Gänge oder blätternde Farbe an Häuserwänden bilden den Fokus. Lübeck wirkt abweisend und zieht mich als Betrachter trotz Gegenwehr in sich hinein. Ich möchte weiter eintauchen.  Die Fotografin betrachtet unser beider Heimatstadt und deren Wandel aus einer ganz spannenden Perspektive.

 

Gibt es bei dir immer eine bestimmte Vorstellung, wie dein Motiv aussehen soll, oder lässt du dich treiben?

 

"Das ist immer ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich einen bestimmten Ort, an dem ich mich auch mal lange Zeit aufhalte, manchmal über mehrere Stunden. Und dann fahre ich auch gezielt an einen Ort. Zum Beispiel wollte ich zum alten Parkhaus bei der Marienkirche, während es abgerissen wurde.  An einem Tag waren die Wolken ganz stark zu sehen und dann musste ich sofort hinfahren".

 

Ich finde es immer wieder sehr interessant, wie andere Fotografen sich ihre Motive suchen oder welche Gedanken sie sich dazu machen.

Tina Schönwald, Lübecker Künstlerin


wie geht es weiter mit deinem Atelier?

Nach einem intensiven und teilweise sehr persönlichen Austausch gab es dann noch ein Fotoshooting, für das sich Tina Schönwald zur Verfügung stellte, obwohl sie lieber hinter der Kamera ist (ich mag auch lieber auslösen, als vor dem Objektiv stehen).

 

Auf die Frage, wie die Zukunft des Ateliers und damit natürlich auch ihre eigene aussehen soll, hat Tina Schönwald schon weitere Ideen. Sie möchte die Räume nicht nur für ihre Kunst nutzen, sondern auch anderen Künstlern beispielsweise für Lesungen oder Ausstellungen zur Verfügung stellen.

 

Das klingt nach vielversprechenden kulturellen Veranstaltungen in naher Zukunft. Ich freu mich darauf und auf den weiteren Kontakt, eben weil wir uns "found in Lübeck" haben.

 

wer jetzt neugierig geworden ist, kann hier gleich einmal nachschauen

 

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